Warum wir Gefühle im Körper spüren – und was sie uns zeigen
Ich erinnere mich gut daran, wie ich früher zwischen zwei Zuständen hin- und herpendelte: Entweder wurde ich von meinen Gefühlen überwältigt und nahm alles sehr intensiv wahr – oder ich fühlte gar nichts mehr. Dann war da nur Taubheit.
Heute weiß ich, dass ich mich in diesen Momenten nicht nur von meinen Gefühlen entfernt hatte, sondern auch von meinem Körper und damit ein Stück weit von mir selbst.
Gleichzeitig litt ich häufig unter starken PMS-Beschwerden, Bauchschmerzen und einem sehr anfälligen Immunsystem. Hinzu kam Hashimoto, eine Autoimmunerkrankung. All das war körperlich real und brauchte eine entsprechende medizinische Einordnung und Begleitung. Damals war ich jedoch noch weit davon entfernt, auch die Wechselwirkungen zwischen meinem körperlichen und emotionalen Erleben zu verstehen.
Ich bemerkte lediglich etwas: Wenn ich begann, wirklich in meinen Körper hineinzulauschen, tauchten häufig Gefühle auf. Dadurch veränderte sich auch mein Erleben der Beschwerden. Das ist natürlich sehr vereinfacht beschrieben und bedeutet nicht, dass körperliche Erkrankungen ausschließlich emotionale Ursachen haben. Für mich war es jedoch der Anfang einer wichtigen Erkenntnis:
Körper und Gefühle lassen sich nicht voneinander trennen.
Heute, etwa 25 Jahre später, verstehe ich Gefühle nicht mehr als etwas rein Mentales oder Vages. Sie werden auch körperlich erlebt. Angst kann den Atem flacher werden lassen, Wut kann sich als Kraft, Hitze oder Muskelanspannung zeigen und Trauer als Schwere, Enge oder Nachgeben im Körper.
Diese körperlichen Reaktionen werden von unserem Nervensystem mitgesteuert. Es verbindet die Signale ders Körpers, fortwährend mit unserer Wahrnehmung und unserem Erleben.
Gefühle zeigen sich unseren Herzschlag, unsere Atmung, unsere Muskelspannung, unsere Körperhaltung und unsere Bereitschaft zu handeln.
Wie Gefühle im Körper greifbar werden
Unser Zugang zu Gefühlen kann sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen können genau benennen, dass sie wütend, traurig oder ängstlich sind, aber kaum sagen, wie sich dieses Gefühl körperlich zeigt. Andere nehmen vor allem Anspannung, Unruhe oder Erschöpfung wahr, ohne diese Empfindungen einem bestimmten Gefühl zuordnen zu können.
Wenn ich dann frage: „Woher weißt du, dass es Angst ist? Wo und wie zeigt sie sich in deinem Körper?“, ist es für viele zunächst gar nicht leicht, eine Antwort zu finden.
Doch genau hier kann sich eine wichtige Tür öffnen.
Wenn wir beginnen wahrzunehmen, wo und wie sich ein Gefühl im Körper zeigt, wird etwas Diffuses langsam konkreter und greifbarer. Wir können besser unterscheiden, was gerade in uns geschieht, und bewusster damit umgehen. Das Gefühl ist dann nicht mehr nur etwas, das uns übermannt – es entsteht mehr Orientierung und damit auch mehr Handlungsspielraum.
Es geht dabei nicht darum, jedes Gefühl zu analysieren. Es geht darum, genauer wahrzunehmen, was in uns geschieht – und dadurch mehr Orientierung und Handlungsspielraum zu entwickeln.
Welche Geschichten wir mit Gefühlen verbinden
Gefühle stehen selten für sich allein. Wir verbinden sie mit Erfahrungen und mit dem, was wir früh über sie gelernt haben.
Vielleicht haben wir erlebt, dass Wut Beziehungen gefährdet. Dass Traurigkeit zu viel ist. Dass Angst Schwäche bedeutet oder dass wir mit unseren Bedürfnissen andere belasten. Wiederholen sich solche Geschichten immer wieder, können daraus tiefere Geschichten entstehen:
„Wenn ich meine Wut zeige, zieht sich der andere zurück und ich bin allein.“
„Wenn ich traurig bin, bin ich für andere eine Belastung.“
„Wenn ich Nein sage, verliere ich die Verbindung.“
Wiederholen sich solche Geschichten immer wieder, können daraus tiefere Glaubenssätze entstehen:
“Ich bin zu viel.”
“Ich bin zu empfindlich.”
“meine Bedürfnisse sind eine Belastung.”
Diese Glaubenssätze beeinflussen wiederum, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen. Wir halten sie zurück, bewerten sie oder versuchen, sie möglichst schnell loszuwerden.
Wenn wir beginnen, Körperempfindung, Gefühl und innere Geschichte voneinander zu unterscheiden, entsteht mehr Klarheit:
Was fühle ich gerade? Und was glaube ich, was dieses Gefühl über mich bedeutet?
So können wir langsam überprüfen, ob eine alte Überzeugung heute noch stimmt. Nicht allein durch einen neuen Gedanken, sondern durch neue Erfahrungen: Ich kann wütend sein und in Verbindung bleiben. Ich kann eine Grenze setzen, ohne mich zu verlieren. Ich kann traurig sein, ohne von der Trauer vollständig überwältigt zu werden.
Genau hier kann eine tiefere Veränderung entstehen: wenn wir nicht nur anders über uns denken, sondern unser Körper erfahren kann, dass heute etwas anderes möglich ist.
Entscheidungen treffen wir nicht ausschließlich mit dem Kopf. Unser Körper liefert uns fortwährend Informationen darüber, wie wir eine Situation, einen Menschen oder eine Möglichkeit erleben.
Wenn ein Gefühl keinen Ausdruck finden kann
Gefühle bringen häufig eine bestimmte Handlungsbereitschaft mit sich. Wut möchte vielleicht etwas zurückweisen, eine Grenze setzen oder klar Nein sagen. Angst bereitet uns darauf vor, Abstand zu schaffen, Schutz zu suchen oder besonders aufmerksam zu werden. Trauer kann den Impuls mitbringen, nachzugeben, zu weinen oder Kontakt und Unterstützung zu suchen.
Wenn ein solcher Ausdruck früher nicht möglich oder nicht sicher war, verschwindet der Impuls nicht unbedingt einfach. Stattdessen halten wir ihn möglicherweise körperlich zurück:
Wir halten den Atem an, spannen den Kiefer an, ziehen die Schultern hoch, machen uns klein oder halten eine Bewegung zurück.
Gefühle werden dabei nicht wie Gegenstände in einem Muskel oder einer Faszie gespeichert. Aber die körperlichen Strategien, mit denen wir Gefühle und Impulse zurückhalten, können sich in unserer Muskelspannung, unserer Haltung und unseren Atemmustern zeigen.
Wiederholt sich diese Art der Organisation, kann daraus ein vertrautes Reaktionsmuster entstehen. Irgendwann nehmen wir vielleicht nur noch den angespannten Nacken, den Druck im Bauch, den flachen Atem oder die Erschöpfung wahr – nicht aber das Gefühl oder den ursprünglichen Impuls, der einmal damit verbunden war.
Diese Muster sind kein Fehler unseres Körpers. Sie können sinnvolle Anpassungen an frühere Erfahrungen gewesen sein. Gleichzeitig können sie heute unseren Handlungsspielraum einschränken, wenn der Körper weiterhin auf eine Weise reagiert, die zur gegenwärtigen Situation nicht mehr vollständig passt.
Das bedeutet nicht, dass körperliche Beschwerden immer durch zurückgehaltene Gefühle entstehen. Sie können viele unterschiedliche Ursachen haben und sollten bei Bedarf medizinisch abgeklärt werden. Der Körper kann uns jedoch zusätzliche Informationen darüber geben, wie wir Belastung, Beziehungen und bestimmte Situationen erleben.
Warum verstehen nicht immer reicht
Viele Klientinnen, die zu mir kommen, haben bereits jahrelange Therapieerfahrung. Sie haben vieles verstanden, Zusammenhänge erkannt und ihre Geschichte reflektiert. Und dennoch spüren sie, dass ihnen an einem bestimmten Punkt eine weitere Ebene fehlt.
Sie nehmen intuitiv wahr: Ich möchte meinen Körper stärker mitnehmen.
Körperorientiertes Coaching kann hier eine Ergänzung sein. Es ersetzt keine Psychotherapie und keine medizinische Behandlung. Es öffnet vielmehr einen Raum, in dem das eigene körperliche Erleben bewusster wahrgenommen und mit dem bereits vorhandenen Wissen verbunden werden kann.
Auch ich erinnere mich daran, wie ich begann, nicht nur zu denken: “Ich bin wütend”, sondern wahrzunehmen, wie sich diese Wut in meinem Körper zeigte - als Wärme, als Druck, als Spannung oder als Impuls, mich aufzurichten und etwas von mir wegzuschieben.
Dadurch wurde aus etwas, das ich verstanden hatte, eine körperlich greifbare Erfahrung. Ich fand mehr verbindung zu meinem Körper - und damit zu mir selbst.
“Ich möchte meinen Körper stärker mitnehmen.”
Was Gefühle uns zeigen können
Entscheidungen treffen wir nicht ausschließlich mit dem Kopf. Gefühle können uns Hinsweise darauf geben, was uns wichtig ist, was wir brauchen und wo etwas für uns nicht mehr stimmig ist.
Wut kann darauf aufmerksam machen, dass eine Grenze berührt oder überschritten wurde, dass wir uns ungerecht behandelt fühlen oder dass etwas Wesentliches keinen Platz bekommt.
Wenn dir beispielsweise deine Wahrnehmung wiederholt ausgeredet oder grundsätzlich infrage gestellt wird, kann deine Wut ein wichtiger Hinweis sein:
Hier stimmt etwas für mich nicht. Hier brauche ich Klarheit oder eine Grenze.
Wut beweist nicht automatisch, dass die eigene Einschätzung objektiv richtig ist. Aber sie verdient es, wahrgenommen und erforscht zu werden.
Trauer kann uns zeigen, wie wichtig uns etwas oder jemand war. Sie ist häufig mit Verlust, Abschied und enttäuschten Hoffnungen verbunden.
Angst kann ein wichtiges Warnsystem sein. Sie kann aber auch auf etwas Neues, Unsicherheit oder frühere Erfahrungen reagieren.
Dann können wir uns fragen:
“Brauche ich gerade Schutz, mehr Zeit, Unterstützung oder einen stabileren inneren Boden?”
Scham berührt häufig unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit und die Sorge, mit etwas von uns nicht angenommen zu werden. Sie beweist jedoch nicht, dass mit uns tatsächlich etwas falsch ist.
Und Freude kann uns zeigen, was uns nährt, lebendig macht und in Verbindung mit uns selbst bringt.
Gefühle geben uns keine fertigen Anweisungen. Doch wenn wir ihnen zuhören und sie gemeinsam mit unserem bewussten Denken einodnen, können sie uns dabei unterstützen, uns selbst besser zu verstehen und Entscheidungen zu treffen, in denen sowohl unser Denken als auch unser körperliches Erleben Platz haben.
Gefühle wahrnehmen, ohne von ihnen überwältigt zu werden
Mit dem Körper in Kontakt zu kommen bedeutet nicht, jedes Gefühl möglichst intensiv erleben oder sofort ausdrücken zu müssen. Es geht auch nicht darum, permanent in uns hineinzuschauen.
Es geht darum, nach und nach genügend inneren Boden zu entwickeln, um wahrnehmen zu können:
Da ist gerade etwas in mir – und ich kann damit in Kontakt bleiben.
Zwischen dem Überwältigtsein von einem Gefühl und dem inneren Taubwerden kann ein Raum entstehen, in dem wir spüren, unterscheiden und bewusster entscheiden können, was wir brauchen und wie wir handeln möchten.
Für mich sind Gefühle die Farben des Lebens. Sie geben nicht nur Orientierung, sondern auch Lebendigkeit und Tiefe. Auch wenn es mir bis heute nicht immer leichtfällt, alle Gefühle zu fühlen, möchte ich diese Verbindung zu mir selbst nicht missen.
Im Somatic Coaching geht es deshalb nicht darum, möglichst schnell in intensive Gefühle einzutauchen. Wir beginnen dort, wo ausreichend Sicherheit, Stabilität und Wahlmöglichkeit vorhanden sind. Der Körper wird nicht gedrängt, sondern eingeladen.
Wie das mit der Regulation unseres Nervensystems zusammenhängt und warum einzelne Übungen allein häufig nicht ausreichen, erfährst du in meinem Artikel „Nervensystemregulation – warum Tools allein nicht reichen“.
Wenn du vieles bereits verstanden hast, aber spürst, dass dein Körper noch nicht ganz mitkommt, kann Somatic Coaching eine ergänzende Möglichkeit sein, diese Ebene behutsam einzubeziehen. In einem unverbindlichen Kennenlerngespräch können wir gemeinsam schauen, ob meine Begleitung für dich passend ist.

